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Über den Inselrand geschaut
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Nautischen Vereins Cuxhaven
Der Webmaster sagt DANKE!

Niederschrift über den Vortrags- und Versammlungsabend des Nautischen Vereins Cuxhaven e.V.
am 19.01.2009 im Captain Ahab´s Culture Club Cuxhaven.
Kommt in Cuxhaven das Thema “Fisch” auf den Tisch, kann man immer mit einem fachkundigen Publikum rechnen. Daß die Gäste zum Vortragsabend des NVC dieses mal so zahlreich erschienen sind, darüber freute besonders den NVC-Vorsitzende Hans-Jürgen Feldmann. Es lag aber nicht alleine nur am Thema, sondern der Name des Referenten, Kapitän Klaus Hartmann aus Bremerhaven, hat in Cuxhaven einen guten Klang. Man konnte also gespannt sein, was K. Hartmann über die Entwicklung der Fischerei in den letzten 10 Jahren berichten wird und welche Prognosen er für die Zukunft aufstellt.
Zunächst begrüßte der Vorsitzende zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft und anderen Institutionen. In seiner Einführungsrede streifte Feldmann die Wirtschaftskrise, ging dann kurz auf die besondere Situation vor Ort ein und meinte: “Cuxhaven käme dabei gar nicht so schlecht weg. Die maritime Wirtschaft ist davon weniger betroffen, was z.B. die Gründung von neuen Produktionsstätten sowie die Neuansiedlung zahlreicher Firmen in Cuxhaven beweist.”
Trotz eines kleinen Mangels - die Mikrophonanlage stand aus technischen Gründen ausnahmsweise leider nicht zur Verfügung – brauchten weder Feldmann noch der Referent ungewöhnlich laut zu werden um bis hinten zum letzten Platz gut verstanden zu werden. Es war einfach das spannende Thema, welches die Gäste – und unter ihnen zahlreiche Fachleute aus der Fischbranche – aufmerksam machte.
Hochseefischerei ist harte Arbeit, unter schwierigsten Bedingungen und trotz modernster Technik auch heute noch ein “Knochenjob” mit hoher Unfallrate. Leider hat sich das Bild des Hochseefischers in der Öffentlichkeit gewandelt, weg vom respektierten Beruf, beinahe bis hin zum illegalen “Fischräuber”. Für einen guten Fang sind drei Dinge unerlässlich: Technologie, Information und Intuition. Zum ersteren gehört ein gutes Schiff mit neuester technischer Ausrüstung. Informationen sind heute aus vielen Quellen weltweit erhältlich. Diese aufzunehmen ist die Aufgabe des Kapitäns und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen ist seine Intuition. Das Gespür für die richtigen, also ertragreichen Fanggründe, das zeichnet einen guten Kapitän auch aus.
Angefangen hat Klaus Hartmann mit einem ehemaligen Kriegsfischkutter (KFK), der “Morgensonne” NC 356 in Nord- und Ostsee. Nach 4 Jahren nahm er den Hochseekutter “Katharina” NC 315 in Besitz, um nach weiteren vier Jahren sich erstmals selbst an der Entwicklung zweier moderner Eurotrawler “Europa” und “Bremen” zu beteiligen und mit diesen im Nordatlantic auf Fangreise zu gehen. Heute gehört Hartmann zu den erfolgreichsten Reedern und ist Vorsitzender des Verbandes der deutschen Hochseefischerei.
Wurde in den 1960er Jahren noch “gefischt , was das Zeug hält”, so gab es ab 1975 bereits erste Beschränkungen durch die Einführung von Wirtschaftszonen. Das bedeute, die “heimatlichen” Fanggründe zu verlassen und in den nördlichen Atlantik, in den Südpazifik und bis vor Westafrika auszuweichen. Nach dem Verkauf der “Europa” nach Neuseeland kehrte Hartmann von dort mit der erheblich größeren “Atlantic Peace” BX 786 zurück. Bei einer Länge von 57 m, einer Breite von 13 m und einem Tiefgang von 7,80 m umfasste sie 900 m³ Fischraum, brachte mit 3.300 PS eine Schleppkraft (Pfahlzug) von 62 t zur Entfaltung und konnte 50 Tage im Einsatz sein. Die Besatzung besteht aus 23 – 27 Mann im Zweischichten-System, von denen allerdings nur 2 Mann auf der Brücke arbeiten und im Wechsel das Schiff steuern, die Fangtechnik und Windenanlage fahren und 30 Monitore zu überwachen haben. Auf dem Fangdeck arbeiten pro Schicht 8 Mann, während die Fischwerker im Fabrikdeck für den reibungslosen Ablauf zahlreicher Maschinen sorgen. Die Produktion umfaßt 20 t Filet pro Tag, die im Fischraum bei Minus 30° C gelagert werden. Das Fanggeschirr besteht aus dem Grundschleppnetz, als Basisnetz und dem pelagischen Netz, das im Mittelwasser, in Tiefen von 800 bis 900 Metern, höhenverstellbar geschleppt wird, um auch die Fische fangen zu können, die in höheren Wasserschichten leben oder dorthin ausweichen. Möglich macht das eine Netzsonde, die auf dem oberen Teil des Netzes angebracht ist. Sie überträgt per Funk auf die Brücke die Position des Netzes über
Grund, sowie die Fischeinläufe ins Netz. Sortiergitter vor den Netzmündungen sorgen für die Selektierung der kleinen, untermaßigen Fische. Mit dem elektro-akustischen Fischortungsgerät ist es möglich, die täglichen und jahreszeitlich bedingten Wanderungen der Fische zu beobachten.
Am 15.8.1975 wurden die 200 sm-Wirtschaftszonen durch die internationale Seerechtskonferenz eingeführt und damit begann der Ausverkauf der deutschen Hochseefischereiflotte. Existierten 1960 noch ca. 200 deutsche Hochseefischereifahrzeuge, so waren es 1985 nur noch 12 Schiffe. Die Flotte wurde der Quote angepaßt. Ein großer Teil der verbliebenen neun Hochseetrawler sind heute dank der Deutschen Fischfangunion (DFFU) in Cuxhaven stationiert. Gefischt wird von der deutschen Flotte zur Zeit vor allem Rotbarsch vor Island, der komplett nach Asien, vor allem Japan verkauft wird. Dort ist die Farbe rot ein Symbol für Glück. Schwarzer Heilbutt, der in Tiefen von 1300 Metern vor Grönland gefangen wird, verkauft sich auch sehr gut in Asien, während Kabeljau-Filet den größten Ertrag in England bringt. Einzeln oder
tiefgefroren im Block wird er auch in Deutschland verarbeitet und zwar zu Fischstäbchen. 1975 begann die internationale Nordatlantik Fischereikommision (ICNAF) mit der Festsetzung von Maschengröße, Quoten und Fanglizenzen. Am Ende eines jeden Jahres wird in Brüssel von der EU und den Drittländern die Quote neu verteilt. Im Verteilungskampf haben es die deutschen Vertreter nicht leicht. Mit einer besonders starken Lobby kämpfen vor allem die Spanier und Portugiesen, um eine Ausweitung ihrer Anteile. Die von der EU an die Nationen verteilten Fangquoten werden in Deutschland vom Staat verwaltet
und zugeteilt, während es in anderen Staaten auch Systeme gibt, bei denen die Fischer selbst Eigentümer der Quote sind. Sie können sie sowohl selbst nutzen, als auch verkaufen. Zur Einhaltung der Vorschriften und Gesetze wurden Kontrollsysteme geschaffen. Küstenwache (Coastguard), Inspektoren auf See überprüfen Fanggeschirr, Netzgröße, Maschen, Black-Box, Laderäume an Bord, Logbücher, Fangberichte. Auch in Check Points an Land werden Anlandeberichte und Verkaufsdokumente kontrolliert. Bei Verdacht auf Unregelmäßigkeiten fahren sogenannte Observer (Beobachter) mit an Bord.
Trotz dieser Kontrollen kann man davon ausgehen, daß ein Drittel der Fänge illegal gefischt wird, meinte Hartmann. Während im Nordatlantik die Fischereikontrollen sehr gut funktionieren, kann man davon ausgehen, daß vor allem in der südlichen Hemisphäre und in asiatischen Seegebieten illegale Fischerei im großen Stil betrieben wird. Die Nachfrage nach Fisch steigt. Die jährlichen Fangmengen liegen seit Anfang der 90er Jahre konstant bei rund 100 Millionen Tonnen. Um den zunehmenden Bedarf der Weltbevölkerung decken zu können, wird immer mehr Aquakultur betrieben. So entstanden riesige Lachsfarmen und in steigendem Maße werden Fischarten gezüchtet und aus Asien eingeführt, die bis vor wenigen Jahren in Europa noch völlig unbekannt waren, wie z.B. Tilapia und Pangasius. Allerdings wird dabei leicht vergessen, dass diese Zuchtfische auch wieder mit Fisch gefüttert und aufgezogen werden müssen. Dagegen hat sich der vorhergesagte Boom der Krillfischerei nicht bewahrheitet. Krill ist zwar ein hoher Eiweißlieferant, aber ein sehr schnell verderbliches Lebensmittel, das einen zu hohen technischen Aufwand zur Haltbarmachung erfordert, der sich nicht rechnet. Für die Zukunft ist es deshalb wichtig, bestandserhaltende Fischerei zu betreiben. Fisch ist eine wertvolle Resource. Aber Überfischung und Klimawandel bringen Veränderungen mit sich. Durch die stärkere Erderwärmung, durch Strömungsänderungen und durch Temperaturschwankungen im Wasser wird es eine Verschiebung der Fischgründe mit der Eisgrenze nach Norden geben. Dadurch gibt es Gewinner und Verlierer. Es wird eine noch größere Konzentration auf stärkere Firmen geben, Globalplayers werden sich ausbreiten. Die Anzahl der Schiffe wird schrumpfen. Dafür müssen die Schiffe effektiver werden. Das wird Auswirkungen auf den Schiffbau haben. Stärkere Motoren mit größerer Energieeffizienz sind gefragt. Verbesserungen beim Fanggeschirr, den Materialien, den Fangmethoden und der Steuerung werden nötig.
Ein Problem ist europaweit noch nicht gelöst und wird unterschiedlich gehandhabt und zwar die Behandlung des Beifangs. Mitgefangene Kleinfische und nicht erlaubte Sorten müssen in einigen Ländern im Meer entsorgt werden, während es in anderen Ländern nicht erlaubt ist, sogenannten “Discard” über Bord zu kippen. Dabei handelt es oft um größere Mengen, mit denen nach Meinung Hartmanns sorgfältiger umgegangen werden sollte, denn auch das gehört zu den Resourcen, die im Meer nicht unerschöpflich vorhanden sind. Hier ist ein Umdenken des Gesetzgebers gefragt. Eine Änderung der Richtlinien ist ab 2010 in Sicht.
Dem Verbraucher empfiehlt Hartmann, mehr Wert auf Qualität zu legen und auf Gütesiegel zu achten, um der illegalen Fischerei den Boden zu entziehen, denn gute Qualität bedeutet auch Fisch aus legaler, zertifizierter Fischerei. Qualitätssiegel in verschiedenen Farben geben Auskunft darüber, ob der Verbraucher den Fisch guten Gewissens kaufen kann. Hartmann schloss seine Ausführungen mit dem Apell: Verantwortlich, fair und ehrlich soll mit der Resource Fisch umgegangen werden, um auch unseren Nachkommen noch in die Augen schauen zu können.
Für diesen spannenden und interessanten Vortrag erhielt Klaus Hartmann viel Applaus. Von den Zuhörern wurden noch viele Fragen gestellt, die er bereitwillig beantwortete, bevor sich der NVC-Vorsitzende bei ihm mit der obligatorischen Clubkrawatte und dem NVC-Stander bedankte. Gegen 21.45 Uhr beendete Jürgen Feldmann den Vortragsabend.
Cuxhaven, 22.01.2009 gez. Erich Baumann, 1. Vereinssekretär

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